DRAMAWERKSTATT
Apr
18

Neue Welt - Leseprobe

"Alle Bedürfnisse werden befriedigt.
Garantiert.
Man wird nicht alt, man wird nicht krank, man leidet keine Schmerzen.

Genetische Defekte sind ausgeschlossen. Die Geburt ist entprivatisiert. Das Leben ähnelt jetzt einem Abend an einer Rapid-Station: man sieht sich, man trifft sich, man atmet den Duft der Großstadt. Kein Tag vergeht, an dem man nicht tausend Eindrücke in sich aufsaugt, kein Tag zieht dahin, an den einen nicht die Flut der Massen überwältigt."

II. Akt: Marrakesch

BENITO
Entschuldigung, bin ich hier richtig? Ich will etwas Außergewöhnliches erleben.

MEDIZINMANN
Was?

BENITO
Tja ich weiß nicht. Es müsste etwas sehr Starkes sein...

MEDIZINMANN
Hast du schon mal an einer Schlägerei teilgenommen, Bruder?

BENITO
Nein...

MEDIZINMANN
Hast du dich je geprügelt? Hast du jemals im Dreck gelegen und um Gnade gefleht?

BENITO
Nein, natürlich nicht.

MEDIZINMANN
Aber du hast das Bedürfnis.

BENITO
Na, ich weiß nicht...

MEDIZINMANN
Doch, doch. Du sehnst dich danach, deine Weichheit abzulegen. Du gierst danach, die Härte eines Gegners zu spüren. Nur du und der Feind. In der Hitze des Gefechtes wird sich euer Blut vermischen. Ja, das ist gut!
(Er schlägt ihn.)
Na, ist das gut? Was spürst du?

BENITO
Ich habe Schmerzen.

MEDIZINMANN
Dann genieße die Kraft des Schmerzes. Schmerz ist ein neuronales Feuerwerk. Jeder Schmerz in deinem Leib aktiviert zehn mal mehr Neuronen als jedes noch so starke Glücksgefühl.
(Er schlägt ihn.)
Ohne Schmerz weißt du gar nicht, wer du bist.
(Er schlägt ihn.)
Deine Lippe blutet. Schmeckst du es? Du lebst, mein Freund. Du bist aus Fleisch und Blut.
(Er schlägt ihn.)
Freu dich, Bruder, koste das Leben aus.

BENITO
Ich würde jetzt gerne ein Gramm Soma schlucken.

MEDIZINMANN
Ach Soma, Soma. Das Cremchen für die Seele. Wenn du dich schon betäuben willst, statt dich an diesem heißen Schmerz zu laben, so nimm wenigstens einen Knaller. Nimm etwas, das dich umhaut, statt dich einzuscheißen. Nimm das hier.

BENITO
Danke.

MEDIZINMANN
Du sollst dich nicht bei mir bedanken.
(Er schlägt ihn.)
Los, wehr dich! Steh auf!
Man muss immer wieder aufstehen. Kannst du mich spüren, Freund? Kannst du meinen Atem hören? Hier ist meine Brust. Hier sind meine Arme. Hier ist meine Faust. Mache dich mit ihr vertraut. Sieh sie dir an. Gib ihr Namen. Du musst deine Widersacher kennen lernen.
(Er schlägt ihn.)
Meine Faust ist ein zärtliches Tierchen, oder eine dunkle Wolke, oder eine tiefe Schlucht, oder ein Dampfhammer, oder ein Handtuch, das dir über das schweißnasse Gesicht streift. Meine Faust ist ein heller Stern, von ganz weit weg, der auf dich herab fällt.
(Er schlägt ihn.)
Im Staub kriechen, Dreck schlucken, Rotz und Wasser heulen, seine Wunden lecken, an seinen aufgeplatzten Lippen kauen, seine Zähne Stück für Stück im Mundraum finden, mit der Zunge wühlen und dann ausspucken – alles Tätigkeiten, die einen Mann mit sich selbst vertraut machen.

BENITO
Hör auf!

MEDIZINMANN
Bruder, Bruder, ich will Dir eine Geschichte erzählen, es ist eine Geschichte aus meiner Heimat, wo die wilden Tiere leben. Ein Elefant, so sagt man, streift eines Tages durch den Dschungel und tritt auf einen Dorn und es tut furchtbar weh und der Elefant hat Mühe, ihn rauszuziehen. Also bittet der Elefant eine Ratte, die gerade vorbeikommt, ihm diesen Dorn aus seinem Fleisch zu ziehen. Und die Ratte stellt die Forderung: „Nur wenn ich dich ficken darf.“ Ohne zu zögern sagt der Elefant okay und die Ratte zieht rasch den Dorn aus dem Elefanten und krabbelt dann hinten am Elefanten hoch und fängt zu ficken an. Da kommt ein Jäger des Weges und schießt auf den Elefanten, der darauf anfängt, vor Schmerz zu stöhnen. Und die Ratte, die die Verwundung des Elefanten nicht mitbekommt, sagt „Leide, Baby, leide“ und fickt immer weiter. Tja, mein Bruder, immer weiter und weiter und weiter...
(Er schlägt ihn.)